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PIRATIN / MONDKOPFMANN

ist eine sehr seltsame Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die sich gegenseitig einbilden. Die Piratin ist eine Schriftstellerin, die aus den Erzählungen ihrer zufälligen Reisebekanntschaften einen Geliebten zusammenschreibt, während der Mondkopfmann, ein wandernder Straßenpantomime, sich das Mädchen seiner romantischen Illusionen zusammenfantasiert.

Während ihre Geschichte von ihrer Geburt ab erzählt wird, beginnt seine Geschichte mit seinem Sterben. In der Mitte ihres Lebens schließlich begegnen sie sich tatsächlich, um nach einer rauschhaften Zeit der Liebe festzustellen, dass sie nichts weiter als die Fantasie des anderen waren.

 

Die Geschichte ist mit der Story der dadapop-performance fan tom vox assoziiert und schon seit langer Zeit in Arbeit. Unten findet Ihr eine Leseprobe.

SCHLUCHT Die Brücke riss. Reflex und Folgen. Brennender Hanf zerfraß die Haut seiner Handflächen. Sein erster und einziger Schrei spuckte Echo in die Abenddämmerung. Dann entriss ihm der harrende Granit das Ende des Seiles. Und er fiel. Die Schlucht unter ihm lächelte andächtig still. Allein ein vorwitziger Wildbach rauschte der nahenden Vollendung seines Fluges Beifall. Materie gehorcht Newton. Andere Dinge aber gehorchen einem weit verwegeneren Plan. Eine kümmerlich knorrige Wurzel hatte sich auf ihrem Weg zum Licht in seinen Rucksack gebohrt; Pack die Katze im Genick, so baumelte er hilflos zwischen Himmel und Grab. Blut tropfte aus seinem linken Schuh. Ein Schlag. Ein steinerner Vorsprung hatte seinen Weg zum Mittelpunkt des Planeten gekreuzt. Sein Fuß brach zwischen dem Gewicht seines Körpers und der Unverrückbarkeit des Felsens. Ein leises Knacken. Ein kurzes Stöhnen übertönte das kaum hörbare Geräusch. Ein dürres Stöckchen unter dem Schnürschuh eines unaufmerksamen Waldläufers. Die Relativität der Zeiten war längst bewiesen. Die langsame Bewegung der wachsenden Pflanze und die schnelle seines Sturzes vereinigten sich an diesem Punkt. Es dauert Jahre, bis guter Tee an einem Hang wächst. Gesammelt, geschnitten, getrocknet segelt er über das gelbe Meer bis in deine Hand. Insektenhafte Riesenmaschinen pressen einen Behälter in wenigen Sekunden. Die langsame Bewegung des schwarzen Krauts und die schnelle der Thermoskanne lösten sich im selben Augenblick aus ihrer Bestimmung. Das stoßfeste Gefäß zerbrach, und die warme Flüssigkeit sickerte durch Rucksack und Hose in seine rechte Kniekehle. Die träge Bewegung der Photosynthese und die schnelle seines Herzschlags folgten auf einmal demselben, sich verlangsamenden Takt. Stillstand nahte gemächlichen Schrittes. Dann verkroch sich die glühende Schwester Sonne, und es wurde kühl. In der Ferne das verstohlene Flattern einiger Fledermäuse. Wenig später ein anderes Geräusch; wie das Fauchen einer angegriffenen Schlange. Danach nur noch Stille. Und kriechende Kälte. Das Wundwasser trocknete in seinen Händen. Die Jünger fügen sich ins Unvermeidliche. Aber: die Zeit nutzen. Sein Stiefel kämpft gegen die pochende Schwellung an. Dein Fuß juckt vor Schmerz, aber du kannst dich nicht kratzen. Wie den Kopf halten, dass man im Schlaf nicht erstickt? Wie dem Instinkt noch trauen? Eine ferne Bedrohung ermächtigte sich seiner Bilder: das Leuchtfeuer der Flugabwehr über einer Stadt. Das Klingenblitzen eines Dolches in der Hand eines undurchsichtigen Spießgesellen. Das Herz einer liebenden Frau. Der abgewetzte Ledereinband seines Schmerzenbuchs. Schwarzgelbe Käfer mit fremdartiger Zeichnung kriechen über dein Gesicht. Grauroter Schleim quillt aus einer Wunde. Der wächserne Schein ihrer blanken Haut im Licht einer sterbenden Kerze. Das hysterische Lachen, mit dem sie für immer in seinem geliebten Meer verschwand. Oder was sonst. Die Angst aber ist ein scheues Tier, das sich wohl streicheln lässt, wenn man es gewöhnt.

HAND Wenn der Mondkopfmann Geld braucht, sagt die Piratin, wechselt er das Gesicht. Er rasiert sich. Schmiert sich weißes Fett ins Gesicht. Mund Nase Augenbrauen verlieren ihre Konturen. Alle Schatten weichen. Dann bemalt er die entstandene Fläche. Zwei gerade, nach außen aufsteigende Keile aus einem Theater des Fernen Ostens; das Zeichen des hilflosen Teufels. Zwei kurze parallele Streifen in fingerbreitem Blau; Kriegsbemalung eines dem Tode versprochenen Iroquois. Und auf der anderen Wange ein kleiner, grünlich schimmender Mond als Zeichen seiner Seele; Sehnsucht. Dann zerstäubt er glitzerndes Puder über das Bild. Die Symbole verbleichen in diesem pastelligen Nebel. Gleichnis des Ungewissen. Zuletzt zog er noch pecherne Tusche über seine Wimpern. Seine Lippen aber blieben unter der staubigen Maske verschollen; der Mund ist der Hort der Begierde. Dann nimmt er den leuchtend blauen Anzug aus dem Rucksack und legt ihn an. Ein schwarzer Hut mit schmaler Krempe deckt das kurze Haar. Schwarze Hayashis wickeln sich um die Füße. Weiches Leder, weiche Sohlen für den sicheren Stand. Das Pflaster spüren. Nur die Hände bleiben, wie sie sind. Blanke Menschenhände. Jedes Härchen sorgsam ausgezupft. Nicht Mann, nicht Frau. Denn die Hände erzählen die Geschichte. Dreimal tief Atmen. Dann baut der Mondkopfmann eine Bühne für seine Geschichten. Eine deutlich abgeschrittene Fläche aus Wegplatten. Ein unsichtbarer Halbkreis auf dem Straßenpflaster. Kleine Improvisationen zum Aufwärmen. Komische Imitationen. Gangarten. Einkaufstüten tragen. In den Himmel schauen. Routinen für ein erstes Lächeln. Das Sammeln von Publikum. Mitspieler im Theatron. Mime. Seine Bewegungen erzählten jene Geschichten, die von den Umstehenden mitgebracht waren. Er entnahm sie ihren Gesichtern, ihren Haltungen, ihrer Kleidung. Das war leicht. Sein einziges Zutun bestand darin, die Geschichten der anderen anzunehmen. Ihnen in sich eine neue Heimat zu geben. Nichts davon war gelogen. Er selbst verspürte dabei Vergnügen. Das stumme Spiel macht das Leben durchschaubar. Bewegungen, die verraten. Gesten, die entblößen. Gesichter, die zwischen komischer Einfältigkeit und stiller Trauer wechseln. Die Umstehenden glaubten die Anderen darin zu erkennen. Und wenn sie eine Weile zugesehen hatten, erkannten sie auch sich selbst. Vorsichtig schoben sich seine Füße über die Kanten des Pflasters. Seine Bewegungen waren ruhig und gleitend. Er stellte die Liebe dar. Er stellte die Liebe gerne dar. Liebe war in allen Zuschauern. Irgendwo versteckt in jedem. Der Mondkopfmann holte sie hervor und stellte sie auf die Straße zwischen die Passanten. Die Umstehenden betrachteten sie wie eine seltsam schöne Blume. Eine Blüte aus einem fernen Dschungel. Etwas, das nicht hierher gehörte, und doch so vertraut schien. Sie wog sich sanft im Wind. Und wenn sich die Liebe heftiger bewegte, so glaubten die Zuschauer in ihr ein fremdes Tier zu sehen. Ein bunter Vogel, der sich aus seiner Heimat hierher verflogen haben musste. Sein Federkleid entfaltete sich vor ihren Augen. Sie traten näher heran und erwarteten sogleich, dass der Vogel sich erhob zu fliehen. Er aber schritt unberührt zwischen ihnen. Zutraulich wirkte die Liebe auf einmal. Nicht wie das Scheue, das Flüchtige aus den verborgenen Winkeln ihrer Herzen. Dies war es, das ein unvergleichliches Lächeln auf ihre Gesichter zauberte. So freuten sie sich an der Einfachheit dieses Lebens. Der Mondkopfmann spielte mit dieser Freude. Ein Teil seines Lohns fand den Weg in seinen aufgeschlagenen Hut. Der andere Teil stand in den Gesichtern der Stehengebliebenen. Ein guter Lohn. Selten entnahm der Mondkopfmann den Schrecken aus den Seelen seiner Zuschauer. Es war einfach, Leute zu erschrecken. Ihnen den Spiegel vorzuhalten, hatte genügt. Zu leicht. Eine Arbeit für die anderen. Der Teufel des Schreckens. Eine Figur ohne Zauber. Eine langweilige, eine abgedroschene Geschichte. Der Mondkopfmann hob seine Brauen. Sein Blick drang tief in die Augen einer Vorübergehenden. Er nahm ihre Trauer an. Augenblicklich verharrte sie am Rand des Kreises und blickte in sich selbst. Wie ein Schmetterling unter einem Schauglas. Ihre Seele mit einer dünnen Nadel auf einen samtbezogenen Karton gesteckt. Nur ein kleiner Schrecken, süß und sanft hervorgezogen. Mit zärtlichen Händen behutsam aus einer Truhe genommen. Sie sah ihn an. Dies war die gute Geschichte. Der Mondkopfmann ließ den Teufel sich verlieben. Dies war das kleine Wunder seiner Geschichten. Der Schrecken wich und die Liebe kam an seine Stelle. Als die anderen klatschten, ging die fremde Frau und setzte sich auf eine nahe Parkbank. Nicht um sich zu entfernen, sondern um in der Nähe zu bleiben. Als der Mondkopfmann sich wieder in sich selbst verwandelte und alles wieder sorgsam verpackt war, stand sie auf, um ihn zu folgen. Der Mondkopfmann ging voran. An jeder Ecke vergewisserte er sich, dass sie ihm noch folgte. So führte er sie weg von jenem Ort, an dem ihre Trauer öffentlich geworden war. Dann wartete er an einer Kreuzung. Ließ sie aufholen und an ihm vorbeigehen. Nun führte sie ihn an einen anderen Ort. Der Ort, an dem sie ihre Trauer für sich aufbewahrte. Sie ließ die Pforte offen stehen und stieg die Treppen hinauf. Und der Mondkopfmann schloss die Tür hinter sich und folgte ihr die Stufen hinan. Seine Hand legte sich sanft auf ihre Wunde. So wie es die Piratin erdacht hatte. Es macht mir nichts aus, diese Zeit zu vergeuden. Ich spüre, dass es heute Nacht geschieht. Gleich, was es bedeutet. Was ich in deinen Augen finden werde. Den schönsten aller Momente im Gleichklang zu erleben. Macht mir nichts aus, wenn mich die Liebe blind macht. Solange ich nur fühle, dass es in Ordnung ist. Nur für eine Nacht. Seite an Seite. Bis wir aufstehen und uns zurücklassen. Nein, es macht mir nichts aus. Nicht schlimm, wenn wir uns von Zeit zu Zeit in kleine Lügen retten. Ist nur ein Versuch, mit all den Wirrungen zurecht zu kommen. So wie heute Nacht. Einfach nur in deine Arme sinken und uns fliegen lassen. Nur eine Nacht. Und einen Morgen. Bis wir uns nicht mehr zu lieben haben und uns auf den Gassen zurücklassen.

ZUG Zum Abschied wirft Gott Sonne ein rotes Tuch über die hohe Sierra, die sich dem afrikanischen Wind entgegendrängelt. Davor spuckt das Meer die letzten unentwegten Schwimmer auf den Strand. Die Fischer waren nun Eisverkäufer. Die Feldarbeiter räumen Liegestühle in hellblau getünchte Schuppen. Wie vereinzelte weiße Zähne eines dunkelhäutigen Kriegers ragen die Hotelbauten aus der Bucht hervor. Und selbst die kühle Außenbeleuchtung hat hier besonderen Glanz; hier an der Küste des Lichts. Der Zug entglitt dem Bahnhof; das war die Stunde der Piratin. Schwang sich an Enterhaken in Zugabteile. Und beraubte die zusammengewürfelten Fahrgäste ihrer Geschichten: Kichernde Mädchen in blumiger Tracht. Rotweinnasige Erntehelfer zwischen zwei Feldern. Untreue Zimmermannsgesellen mit eingerissenen Ohr-läppchen. Arabische Ziegenhirten mit ihren verhängten Eheweibern. Ein blinder Knabe mit einer zwölfsaitigen Gitarre. Ein Buckliger, der die Oper liebt. Dirigent eines imaginären Orchesters. Verschlagene Vertreter, deren linkes Auge immer auf ihrem Musterkoffer liegt. Und auch ein Lateinlehrer, der versehentlich in die falsche Richtung fuhr. Sie alle betraten das Parlament und verfielen dem Zauber der immerwahren Lüge. Jedes einzelne dieser Schicksale verstaute die Piratin, sorgsam geglättet und gefaltet, in der eigens dafür mitgebrachten Truhe hinter ihrer Phantasie. Der Schatz der räuberischen Zuhörerin; buntgläserne Perlen für die gewaltsame Kolonisation einer fernen, neuen Welt. Jede Geschichte ein für sich kunstvoll geschmiedetes Kleinod. Das edle Metall verschütteter Träume, geschmolzen in der eigentümlichen Hitze des dahintanzenden Nachtzuges. Gegossen und geformt im Rausch der Erzählung. Und schließlich gefasst mit Smaragd, Aquamarin und Bernstein, das Funkeln in den Augen der Mitreisenden. Leichtgläubige Ohren-zeugen der merkwürdigsten Begebenheiten, die vielleicht so nie stattgefunden haben. Die Wahrheit glaubt sich nur. Sie ist eine Schöpfung der Nachwelt. Da waren die Liebe und der Tod. Das Feuer und der Mond. Hier gingen heimliche Freude und stiller Schrecken entlang. Da waren verzweifeltes Lachen und stolze Trauer, rohe Kraft und gezieme Zärtlichkeit. Und alles war ein und dieselbe Lüge in den Händen der Piratin. Anmutig durchstreifte sie den Garten der Geschichten. Besah die verschiedenen Blumen. Strich über samtene Blüten. Bewunderte den Wuchs der Stängel und Blätter. Stach sich an ihren Dornen. Saugte dann verzückt den Schmerz aus ihren Fingern. Oder lachte mit denen, die sich Gärtner wähnten. Der Schmetterling schlug nur mit einem Flügel. Sie atmete tief nach solchem Rausch. Erwartete das Nachglühen, den Schwelbrand klebriger Erinnerungen unter ihrer Haut. Das Reifen aller Geschichten zu einer Geschichte; nach Jahr und Tag das Blut der fremden Helden auf Pergament verschmieren. Liebende durch rote Meere trennen. Spaziergänge unter angetrunkenen Tränen. Gleiches mit Ungleichem verschmelzen. Gleiches vergelten. Alles muss gehorchen, muss sich einreihen in die Leichtfertigkeit ihrer Schöpfung. Sie zog den Pflug durch das Feld der Lebenden. Sie ließ die Toten aus ihren Träumen auferstehen. Sie gebar die Figuren von neuem; ja, sie entband sich von ihnen und liebte sie als ihre Kinder. Aufzucht und Pflege von Menschenmaschinen. In Worten geboren. Zu Bildern inszeniert. Zu funktionieren. Und die sie warnte: Vergesst nicht, es stirbt sich schnell auf dem Papier. Ein wenig falscher Stolz. Ein bisschen Übermut. Ein kurzes Aufbegehren. Ein kleiner Fehler. Ein unachtsamer Tritt. Eine morsche Stiege. Ein blankes Kabel unter feuchtem Fuß. Der flinke Degen eines eifersüchtigen Besitzers. Der Hass eines wahllos Besessenen. Das Gift eines nachlässig zubereiteten Kugelfisches. Die grüne Schlange unter dem Stein. Ein eingeschlafener Lastkraftwagenfahrer. Ein stürzender Baum. Eine zornige Göttin, die einen Baum in Euren Weg stürzt. Und nicht zuletzt: ein Nachtzug, der wegen eines fremden Lächelns aus seinen Gleisen springt. Mord gehört zu meinem Handwerk wie die Liebe.