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pitched to death

Die Einschläge kommen näher. Grade in den letzten Monaten gingen einige Eventmarktteilnehmer den Weg in die geordnete Selbstauflösung oder direkt in die unabwendbare Insolvenz. Bei einigen kam es überraschend durch den Ausfall bereits gewon-nener Projekte, bei anderen waren die typischen Verschleißer-scheinungen des harten Existenzkampfes schon seit einiger Zeit zu spüren.

In Ermangelung jeglicher romantischen Anwandlung in Erinnerung früherer Tage - und auch mit einem schlecht versteckten Seiten-hieb auf mich - sagt ein kürzlich in Schnellkursen zum multitalentier-ten Unternehmensberater mutierter Betriebswirtschaftslehrling: da haben wohl einige sich nicht den Veränderungen des Marktes gestellt, waren nicht anpassungsfähig, Die haben den Zug der Zeit nicht nur knapp verpasst, sondern schlicht vergessen zum Bahnhof zu gehen. Wie Recht er hat. Und wie traurig das ist.

Was ist passiert? Ist der Eventmarkt über Nacht von einem krea-tiven Anbietermarkt zu einem feudalen Kundenmarkt geworden? Ist der Niedergang des typischen Agenturmodells einfach nur die Folge schlechten Managements? Hat man zu lange an warum auch immer bewährten Strukturen festgehalten?

Oder gibt es da zu viele Faktoren, die sich aus einer Kreativ-Agentur heraus gar nicht mehr mit der ihr eigenen Kernkompetenz managen lassen? Also mit Kreativität?

 

Ja, der Kunde hat den Markt verändert. Wo Mustermann früher mit einem Kommunikationsverantwortlichen verhandelt hat, sitzt ihm nun zusätzlich eine Troika von Controllern, zentralen Ein-käufern und Juristen gegenüber; eine Mesalliance, die ihre perfide Bürokratie und wahrscheinlich auch ihre Kompetenzstreitigkeiten auf seinem Rücken austragen wird. Soviel steht fest. Da sitzen sie nun mit ihren heillos zusammen gegoogleten Preisvergleichslisten, ihren konzernvergärten Einkaufsbedingun-gen und ihren überzoge-nen Total-buy-out-Forderungen, die ihnen die eigens zur Ver-schwurbelung lang bewährter Prozesse in Haus beorderte Berater ins System diktiert haben. Denn das ist, was die marodierenden Heerscharen von Kaltgesichtern in ihren Berater-Schnellkursen gelernt haben: wie man in eine Verwaltung noch mehr Verwaltung reinpresst.

Und sie eröffnen zeitfressende Gesprächsrunden und produzieren einen enor-men Verwaltungsaufwand, für den in Mustermanns typischer Inhaberagentur gar nicht das qualifizierte Personal vorhanden ist. Nicht weil es das nicht gäbe oder weil es für Herrn Mustermann kaum noch zu bezahlen ist, sondern weil es bereits besser bezahlt und abgesichert auf der anderen Seite des Tisches sitzt.

 

Unter dem Druck geschmolzener Margen hat Mustermann schon in den letz-ten Jahren den Großteil seines erfahrenen kreativen und organisatorischen Personals betriebsbedingt abgebaut und durch die Generation Praktikum ersetzt. Die Praktikanten bekommen wenn überhaupt ein HartzIV-Equivalent, das oft genug von ihren ernüchterten Eltern an die Agentur als Ausbildungs-entschädigung bezahlt wird. Die kreative Detailarbeit machen jetzt vermehrt Freie, die aber möglichst auf Rückstellung arbeiten. Also dann erst Geld bekommen können, wenn die Arbeit auch vom Endkunden bezahlt wird.

Denn was an Geld grad verfügbar ist, muss Mustermann auf Geheiß der Dreieinfältigkeit erst mal in eigene Controller und Juristen investieren. Denn es müssen Antworten gege-ben werden. Wichtige Antworten. Und zwar Antworten, die mit dem Sinn, Zweck, Stil und Plan der gewünschten Live-Kommunikationsmaßnahme noch nicht viel zu tun haben.

Antworten mit weiteren Preisvergleichen und je drei Angeboten möglicher Sublieferanten, deren Leistung möglichst vergleichbar, aber deren Preise mög-lichst unterschiedlich sein sollen. Sagt der Kontrolleur. Oder war es der zentrale Einkäufer? Nein, der hat ja noch einen vierten und fünften Anbieter ins Spiel gebracht, mit dem man bereits einen Rahmenvertrag hat. Oder der zumindest als möglicher bevorzugter Lieferant gelistet ist. Man könne da unkompliziert einen Kontakt herstellen.

Nun gut, manchmal freut sich Mustermann ja, wenn er auf diese Weise neue Mitspieler kennenlernt. Die müssen ja nicht schlechter sein als die, mit denen man seit Jahren bestens eingespielt ist. Aber wo die Zeit hernehmen, um mit allen zu reden? Und wer bezahlt diese Zeit? Der Kunde?

 

Eher nicht. Der schreibt erst mal aus. Und damit das alles seine Ordnung hat, verrät er in der Ausschreibung noch nicht viel über das eigentliche Projekt. Dafür ist es noch zu früh, denn erst muss man ja die Kandidaten sichten, dann müssen die sich mal mit so einer Art Blindflugkonzeption bewerben, werden dann gefiltert, müssen dann eine Stillschweige- und Haftungserklärung unter-schreiben und am liebsten wie im Fußball Lizenzunterlagen einreichen – man will ja wissen, ob die Agentur lange genug überlebt und ob sie überhaupt die Finanzkraft hat, alle Leistungen zu gewährleisten, bevor man selbst bezahlt – um dann überhaupt erst einmal zu erfahren, worum es eigentlich wirklich geht. Wer es bis dahin geschafft hat, erhält tatsächlich ein inhaltliches Briefing, meist von geringer Tauglichkeit und von noch geringerer Halbwertzeit. Denn Event kommt ja von Eventualität! Scherzt der zentrale Einkäufer.

 

Bis hierhin hat Mustermann nicht nur unentgeltlich Zeit in Vorreisen, vielleicht passende Kreativ-Ideen und womöglich Präsentationsmaterial wie Modellbau und 3D-Animationen investiert, sondern auch schon ein paar teure Anwalts-stunden auf der Rolle. Gut, das hat es früher auch gegeben, aber eben für die Projekte mit echten Millionenbudgets. Mittlerweile werden aber auch Kleinstver-anstaltungen nach diesem Verfahren ausgelobt. Und das nicht an zwei oder drei, sondern an 12 – 20 Agenturen. Denn die drei Kommunikationsautobahn-geisterfahrer wissen ganz genau, wie sie sich unentbehrlich machen können.

Für Mustermann aber bedeutet diese versteckte Arbeitslosigkeit auf Kunden-seite schon rein statistisch, dass er noch mehr Pitches vorfinanzieren muss, um einen Auftrag auch tatsächlich zu bekommen. Denn die Auswahl ist groß und da die Troika zunächst andere Kriterien als die für die eigentliche Veranstaltung tatsächlich wichtigen ansetzt, ist sie auch oft beliebig. Sagt natürlich nie die Agentur, die den Job dann bekommt. Viele Insolvenzverwalter, die sich mit den Agenturpleiten der letzten Jahre zu beschäftigen hatten, kommen oft zum selben Schluss: „This agency has pitched itself to death!“

 

Nun gut, erste Hürden wurden übersprungen. Geld wurde verbrannt. Doch immerhin, es hat mal wieder für ein angedeutetes Auftragsversprechen gelangt. Man ist in der zweiten Runde. Man bekommt ein verfeinertes Briefing, das zumindest in Teilen das Pitchbriefing konterkariert. Und ein vom Controller vorstrukturiertes Budget. Das hat er aufgrund seiner großen Erfahrung mit solchen oder so ähnlichen Vergleichsprojekten schon mal aufgestellt. Sagt er. Was er damit meint ist: wenn die Agentur eine Position günstiger realisieren kann, bleibt der Überschuss beim Kunden; wenn etwas teurer zu werden droht, gibt es da beim zentralen Einkauf sicher einen anderen Lieferanten, der es zum fest budgetierten Preis liefern kann. Oder die Agentur haftet gleich für die Mehrausgaben Ist ja klar, steht ja im Agenturrahmenvertrag, der jetzt sicher irgendwann demnächst zu Ende verhandelt werden kann, sagt der Jurist und streicht sich dabei über seinen akkurat getrimmten Negativ-Irokesen.

 

Nicht dass zu diesen Zeitpunkt etwa schon klar wäre, was nun genau gemacht werden soll – der Vorstand hat sich ja noch gar nicht geäußert, welche tatsächlichen Inhalte für die Tagung in Ereignisse umgesetzt werden sollen – aber vorsichtshalber soll sich die Agentur vorab schon mal auf dieses Budget verpflichten. Zusatzkosten sind nicht geplant. Und werden allgemein verab-scheut. Sie sind auf 8% vom ursprünglichen Angebot begrenzt. Sagt der Jurist. Aber nur wenn der Auftrag auf Wunsch des Auftraggebers verändert wird. Nachgelagerte Sachzwänge auf-grund solcher Kundenwünsche sind nicht vorgesehen. Und werden ebenfalls allgemein verabscheut.

Immerhin, mittlerweile steht so eine Art logistische Rahmenpla-nung. Zwei der acht vorgeschlagenen Locations kommen in Frage. Aber der Vorstand muss sich erst noch für eine entscheiden, also bitte erst mal beide beplanen. Ach ja, und die drei Caterer sollen schon mal je drei Menüvorschläge unterbreiten, pro Location. Außerdem solle Mustermann schon mal bei allen weiteren Subs die Early-Bird-Tarife festnageln und die Künstler reservieren; man könne zwar noch nicht sagen, wann welcher Auftrag tatsächlich kommt, aber das werde Mustermann ja irgendwie deichseln können. Denn die Vorzugspreise, die er vielleicht dank langjähriger Zusammenarbeit bei seinen verlässlichen Lieferanten bekommt, müssen eh an den Kunden durchgereicht werden. Sagt der zentrale Einkäufer.

 

Gut Dung will Weile haben. In der Zwischenzeit hat der Baron von Paragraphi-stan seinen Rahmenvertragsentwurf übermittelt und Mustermann sitzt jetzt kopfschüttelnd mit seinem eigenen Simulationsdolmetscher für Deutsch – Anwalt / Anwalt – Deutsch zusammen, um sich das Werk in eine verständliche Sprache übersetzen zu lassen. Das meiste kennt er ja von anderen Kunden, aber hier stehen dann doch wieder neue Sachen drin. Bei allen Geschäften, die über 200.000€ per Anno gehen, möchte der Kunde ein Kickback von 10%. Auf alles. Auch auf die Positionen, auf die der Controller zuvor eine maximale Marge von 7% fest geschrieben hat. Steht da echt drin, hab ich mit eigenen Augen gesehen. Wenn man also seinen Zehnt an den Kunden zurückgibt, wird man bevorzugter Lieferant. Das kommt dabei raus, wenn sich Juristen mit der Legalisierung von Bestechung befassen. Mustermann überlegt kurz, wie viele Azubis er einstellen muss, deren Eltern ihm eine vierstellige Ausbildungsent-schädigung bezahlen, damit er sich das Kickbackschisch leisten kann. Oder vorab direkt alle Preise um 10% anheben. Will aber der Controller nicht!

 

Zu aller Freude hat sich unterdessen herausgestellt, dass es leider doch mehr Gäste werden als zuerst vermutet. Und dass deswegen die bereits beplanten Locations nun doch nicht mehr in Frage kommen. Bis zur nächsten Vorstandssitzung am Montag bräuchte man jetzt zwei andere Locations, mit festen Optio-nen und am liebsten auch schon beplant. Man müsse ja nur die Bühnenent-würfe in die anderen Räume, digital, Sie wissen schon. Und die Tischpläne. Sagt der Kommunikationsmensch. Es darf aber nicht mehr kosten. Sagt der Kontrolleur. Steht auch so im Rahmen-vertrag. Sagt der Jurist. Immerhin, den Begriff feste Option muss er auch erst mal in seiner juristischen Bibliothek nachschlagen.

Da der frühe Vogel mittlerweile keinen Wurm mehr fangen kann, schlägt Mustermann vor am Catering zu sparen. Hätte er das nicht getan, müsste er jetzt nicht schon mal je drei neue Menüvorschläge von eben den Caterern einholen, die Exklusivverträge mit den neuen Locations haben. Auch der zentrale Einkäufer hat das Wort sparen gehört und blüht sichtlich auf. Durch Kreuzvergleiche in seinen Listen ist ihm eh schon aufgefallen, dass man ganz schön an den Kosten drehen kann, wenn man von einem Techniklieferant das Licht, vom zweiten die Projektoren, vom dritten die Kabellage und vom vierten das Personal nimmt. Ist günstiger! Sagt er. Denn die Zahlen lügen nicht. Und das stimmt. Denn den Zahlen auf der rechten Seite der Speisekarte ist es herzlich egal, ob sie lügen. Sollen doch die Leute, die ihre Leistungsbeschreibung weiter links hingeschrieben haben, sehen wie sie Wahrheit gefälligst zurecht-biegen. Und überhaupt, ein Wiener Schnitzel für 22,20€ sei schlicht zu teuer. Im Internet und in der Bahnhofskneipe gibt es welche für 2,20€. Das Schnitzel klebt schon an Mustermanns geistigen Gaumen. Ach, das sei Formpressfleisch, dass durch die Fritteuse gezogen wird. Nein, das wolle man dann doch nicht, aber irgendein Kompromiss wird sich da doch finden lassen.

 

Zwischendrin meldet sich mal wieder der Jurist zu Wort. Er verste-he einfach nicht, warum ihm Mustermann nicht unterschreiben will, dass nicht alle für den Event zu erstellenden Bilder, Logos, Slogans, Musiken, Designs, Dokumentationen und vor allem das echte Schnitzelrezept weder zeitlich noch räumlich noch in ihren Verwertungsarten begrenzt in den Besitz des Kunden übergehen können. Schließlich werden diese Arbeiten und die Schnitzel doch eigens für den Kunden gefertigt. Mustermann überlegt, wie er dem viermal besser bezahlten Juristen anhand eines Künstlerauftritts den Unterschied zwischen einem lokalen Event und einer unbe-grenzten Nutzung erklären kann; denn ihm nochmal den morali-schen Sinn der Urheber- und Leistungsschutzrechte näher zu bringen, scheint bereits aussichtslos.

Und was ist eigentlich mit dem Design für die Einladungskarten? Die müsse man ja doch vorher noch verschicken. Der zentrale Einkäufer gibt den guten Tipp, dass man bei Jobversteigerungs-börsen im Internet auch Designer findet, die eine komplette Geschäftsausstattung mit Logo, Briefpapier und Visitenkarten für unter 200 Euro anbieten. Als Total-buy-out. Sagt er. Da müsse Mustermann als Dienstleister einfach mal moderner werden. Der Jurist streicht wieder über seinen breiten Scheitel und überlegt kurz, wie ein Designer das in knapp einer halben Stunde schaffen soll, damit sich die Bezahlung lohnt. Und schweigt dazu. Aus-nahmsweise.

 

Mustermann versucht sich nichts anmerken zu lassen, aber ihm wird leicht schwindelig bei dem Gedanken an Heerscharen von in Internetcafes nomadi-sierenden Computerfreaks, denen der moralische Sinn des Urheberrechts genauso wenig zu bedeuten scheint wie seinen Kunden. Und die den Wert ihrer eigenen Arbeit bis ins Lächerliche kannibalisieren. Dann fasst sich Mustermann ein Herz und fragt die studierte Troika, ob sie mal etwas von berühmten Wirtschaftstheoretiker John Ruskin gehört habe: „Man findet immer einen, der es schneller und günstiger macht, und wer nur danach handelt, wird schnell zum Opfer dieser Vorgehens-weise.“ Lopez. Opel. Qualitätsverlust. Pannenstatistik. Beinahe-Kollaps. Sie erinnern sich?

Das kann man nicht vergleichen. Sagt der zentrale Einkäufer. Und der Kon-trolleur besteht darauf, dass die Qualitätsanforderungen natürlich trotzdem erfüllt werden müssen. Original Wiener Schnitzel, aus der Oberschale mit Schmetterlingsschnitt, in selbst geriebenen Semmelbröseln paniert. So wie er es bei diesem Koch im Internet gesehen hat. Aber zum halben Preis! Muster-mann überlegt kurz, ob er der Troika Scallopine vorschlagen soll. Auch gutes Kalb-fleisch, aber von der Zubereitung nicht annähernd so aufwendig. Aber Mustermann schweigt. Das Leben ist kurz. Vielleicht zu kurz.

 

Der Veranstaltungstermin rückt näher. Oder wie es in den Kurzbe-schreibungen von Thrillern und Katastrophenfilmen immer so schön heißt: Die Zeit läuft ab!

Aber Mustermann bleibt trotz Überarbeitung so freundlich er kann. Schließlich ist der Kunde König. Sagt man doch so. Oder ist er vielleicht doch eher ein von der eigenen Verwaltungsmacht berauschter Diktator? Immerhin es gibt erste Tendenzen aus dem Vorstand. Ja, die Teamkunstaktion mit den Mitarbeitern fände man großartig, aber die möchte man sich doch lieber aufheben. Für eine andere Veranstaltung. Die übrigens eine andere Agentur macht. Sagt der Kommunikationsmann. Kontakt zu den von Mustermann vorgeschlagenen Künstlern habe man schon aufgenommen. Zum Glück gibt es ja das Internet. Und rhetorische Fragen. Das ist doch okay so, mein lieber Herr Mustermann? Sagt der Einkäufer. Steht übrigens auch so im Rahmenliefervertrag. Sagt der Jurist.

Auch wolle man das Business Theater dann jetzt doch nicht mehr, sondern lieber einen Film, der das Thema vorstellt. Vielleicht mit einem kleinen Ballett, das hübsch dazu tanzt. Damit die Bühne nicht so leer ist. Und überhaupt, der Vorstand liebt das Ballett. Diese Anmut. Die Grazie. Die jungen hübschen Mädchen in ihren Ganzkörperstretchbodies. Das gefällt.

Mustermann überschlägt grob die Kosten eines fünfminütigen Films mit drei Drehtagen, jeder Menge Spezialeffekte und der zusätzlichen Balletttruppe. Und regt gewissenhaft eine notwendige Diskussion um das Budget an. Das hätte er nicht tun sollen. Denn nun muss Mustermann alle bereits halbwegs verabschiedeten Posten noch mal umkrempeln und mit den Lieferanten nachver-handeln, damit das Geld für den Film woanders eingespart werden kann. Aber ohne Qualitätsverlust. Sagt der Kommunikations-mensch.

 

Das zu Beginn an Agenturmanntagen angesetzte Zeitbudget ist mittlerweile überschritten. Täglich rufen drei bis fünf Künstlerma-nager und Lieferanten an, was denn nun mit der Auftrags-bestätigung wäre. Man müsse doch bitte planen können. Zwei der drei freien Kreativen haben inzwischen einen anderen, weil tatsächlich beauftragten Job angenommen und stehen nicht mehr zur Verfügung. Vom Kunden kommt die freudige Nachricht, dass es einen Rechenfehler bei der Gästeanzahl gab. Und man nun doch in eine der beiden ersten, bereits abgesagten Locations zurück wechseln möchte. Mustermann überlegt kurz, wie viel Geld er verliert, wenn er jetzt noch aus dem ja immer noch nicht beauf-tragten Projekt aussteigt. Und wie lange er seinen Laden noch halten kann, wenn er seine restlichen Festangestellten entlässt und seine Altersvorsorge jetzt schon mal auflöst.

Aber Mustermann hat noch einen Rest Kampfgeist. Die Zeit arbeitet für ihn. Noch drei, vier Tage durchhalten und dann kommt der Punkt, an dem der Kunde gar nicht mehr anders kann, als Entscheidungen zu treffen und Aufträge auszulösen. Mustermann spürt den Rückenwind des Veranstaltungstermindrucks. Es geht in die Entscheidungsschlacht. Mit unterschriftsreifen Detailaufträgen stürmt er in die nächste Sitzung und verlangt verbindliche Bestäti-gungen. Und schlimm genug: Geld!

Immerhin, der Kommunikationsmensch sieht seine Felle davon schwimmen. Schließlich muss er den Kopf hinhalten, wenn die Veranstaltung nicht läuft wie geschmiert. Gerne würde er jetzt endlich unterschreiben, damit man ursprünglichen Pläne über Bord werfen und endlich mit der eigentlichen Arbeit beginnen kann. Aber die Nadelstreifentroika sitzt da mit verschränkten Armen und versteinerten Mienen. Im Vergleich zur Ehre, was auch immer für ihre Firma veranstalten zu dürfen, finden Sie Mustermanns Forderung nach Bezahlung schon fast impertinent. Sagen sie nicht. Sieht man ihnen aber an.

High Noon im Büroraum. Mustermann denkt an den guten alten Handschlag zurück, mit dem er früher seine Geschäfte abschloss. Aber kann er diesen Leuten tatsächlich noch seine Hand geben ohne Angst um seine Finger haben zu müssen? Ein Eishauch weht über den Verhandlungstisch. Der Tiefpunkt ist erreicht. So habe man sich eine konstruktive Zusammenarbeit aber nicht vorgestellt, presst einer der Turnbeutelvergesser hervor. Und der zentrale Einkäufer fragt den Juristen, ob er aus dem auch für zukünftige und für Mustermann sicherlich lukrativere Projekte gedachten Rahmen-liefervertrag nicht erst mal einen Werkvertrag für die eine Veran-staltung machen könne. Mustermann fühlt sich nicht wohl in seiner Haut als Erpresser im Dienst der Sache, aber Arme verschränken, Miene versteinern, das kann er auch. Der Kommunikationsmensch versucht die Wogen zu glätten und erbittet eine kleine Bedenkzeit. Er werde sich am Nachmittag melden. Das Dreigestirn der Zahlen- und Paragraphenflüsterer hat plötzlich was anderes zu tun und zieht ab. Auf dem Weg raus versichert der Kunde, er werde das schon irgendwie hinbiegen. Es sei ja nicht mehr lang bis zur Veranstaltung.

 

Und ja, tatsächlich; irgendwie wurde irgendwas hingebogen und Mustermann erhält die ersten Aufträge. Und darf nach Rücksprache mit dem Kontrolleur schon mal die Hälfte der vorher verhandelten Anzahlungssumme in Rechnung stellen. Mustermann ist irgendetwas zwischen heilfroh und beunruhigt. Ein Zustand, an der er sich längst gewöhnt hat. Und der das frühere Gefühl der Sensibilität, Kreativität und Schaffensfreude fast vollständig verdrängt hat. Jetzt müsste jeden Tag der Anruf aus der internen Revision des Kunden kommen: man fragt nach, ob der zentrale Einkauf auch gewissenhaft verhandelt hat. Und ob man nicht noch mal kurz durch alle einzelnen Positionen des Angebots durchfräsen und nachverhandeln könne. Mustermann kann sich ein bitteres Lachen kaum verkneifen. Aber er macht sein Telefonpokerface und erklärt der vorauseilenden Revision, dass es eher wieder teurer werde, wenn man ihn weiter von der Arbeit abhalte. Der Revisor lacht nicht mit.

 

Lachen ist ja gesund. Solange es einem nicht im Halse stecken bleibt. Es sind noch drei Wochen bis zum Tag der Tage, aber Mustermann weiß schon jetzt, was danach auf ihn zukommt. Nach der Veranstaltung sitzt die Troika wieder am längeren Hebel. Denn dann sind alle Leistungen erbracht, aber lange noch nicht bezahlt. Dann zahlen Sie ihm nicht die Rechnungen, sondern heim, dass er kein Skonto auf all jene Positionen einräumen wollte, die doch sicher schon in einem halben Jahr bezahlt werden. Sagen die drei späten Vögel. Dann kommen die Verbrauchskosten auf den Prüfstand. Und die Reisekosten. Die Anzahl und Größe der Blu-mengestecke müssen nochmals genauestens untersucht werden. Und außerdem: die Frau vom Vorstand hat gesagt, sie hätte schon mal schönere Rosen gesehen.

Auch andere Einzelposten werden professionell hinterfragt. Wurde die zweite Klofrau, äh Nassbereichsreinigungsfachkraft, wirklich benötigt? Hätte es doch nicht eine getan? Wurde überhaupt soviel gepinkelt wie zuvor geplant? Was ist mit den nichtgegessenen Schnitzeln passiert? Und wie war des jetzt noch mal mit dem weltweit uneingeschränkten Nutzungsrechtsübertrag? Bevor das alles nicht geklärt ist, kann die Gesamtabrechnung natürlich nicht freigegeben werden.

Mustermann denkt mit leichten Schaudern an die letzte Verhandlung mit seiner Hausbank zur Zwischenfinanzierung einer solchen Produktion. Sie wissen ja, Basel III kommt. Und die Eventbranche ist halt schlecht geratet. Als Sicherheit würde man akzeptieren, wenn Mustermann das Geld für den Kredit bar hinterlegt. Darlehen gegen Barlehen. Ohne Spaß. Bin ich dabei gewesen, hab ich mit eigenen Ohren gehört.

 

Aber es muss ja weitergehen. Neues Geschäft will gemacht werden. Ein neuer Tag, ein neuer Pitch. Eine Eingangsinstallation für ein Museum wird gesucht. Unterlagen für eine intensive Vorprüfung werden verlangt: Geschäftsberichte, Jahresabschlüsse, Kreditwürdigkeitsbescheinigung, Lebensläufe von fünf festange-stellten Mitarbeitern, Beweise für deren kreative Eignung. Stand da wirklich, hab ich selbst gelesen. Man will Referenzen von jenen, die man aufgrund ihrer Referenzen zum Pitch einladen möchte. Ein 33 Seiten Formular, das erfüllt werden will, bevor man überhaupt zum Pitch zugelassen wird.

Und natürlich: eine erste grob ausgearbeitete kreative Idee. Mit Storyboard! Auch grob ausgearbeitet. Wenn’s geht illustriert. Darf ruhig noch grob sein. Die Feinarbeit kommt ja noch. Aus den Pitchern werden drei Kandidaten gelost, die ein Bearbeitungs-honorar im niedrigsten vierstelligen Bereich erhalten sollen. Im Gegenzug wechseln alle eingereichten Ideen, Treatments, Story-boards und technische Zeichnungen mitsamt uneingeschränkten Nutzungsrechten in den Besitz des Auslobers der Ausschreibung über. Auch die der zwei, die am Ende gar keinen Auftrag erhalten. Steht ja so in den Pre-Pitch-Unterlagen. Bestätigt der Jurist. Billiger kann man nicht einkaufen. Denkt sich der Einkäufer.

Ah, denkt sich Mustermann: bei soviel Vorwegformular handelt es sich sicher endlich mal wieder um ein Millionenprojekt? Nein, lediglich ein hoher fünfstelliger Betrag für Meetings, Idee, Rebrie-fings, Archivrecherche, Multimedia-Kreation, Dreharbeiten, Bild-rechte, Schauspieler, Sprecher, Schnitt, Musik, Postproduktion, technische Planung, Hardware, Installation, Probebetrieb und Ge-währleistungen. Die im ersten Schritt gezahlte Bearbeitungsgebühr wird dem Gewinner dieses Wettbewerbs großzügig abgezogen. Steht da drin. Hab ich gesehen.

 

Lernt man Demut durch permanente Demütigung? Mustermann lässt die dreiunddreißigseitige Vorausschreibung sanft in die runde Altpapier-sammelstelle unter seinem Schreibtisch gleiten. Er schaut durch seine offene Bürotür auf seine treue Assistentin, die mit ihm seit 25 Jahren durch dick und dünn gegangen ist. Das wird weh tun. Er schlendert durch die kleinen Büros und nickt auf dem Weg zur röchelnden Kaffeemaschine dem versprengten Haufen seiner ebenfalls röchelnden Praktikanten zu. Er denkt an das kleine Cafe in der Normandie, das er mit seiner Frau mal eröffnen wollte. Bevor sie sich hat von ihm scheiden lassen, weil er ja eh Tag und Nacht nur in seiner Agentur war. Sowas hätte man machen sollen. Als es noch ging. Oder Jura studieren.

Dann geht er ins Sousparterre, stellt seiner Buchhalterin einen frischen Pott Kaffee hin und fragt, wie lange sie wohl für eine Abschlussbilanz braucht.

 

 

 

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Kommentare: 9
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